„In jedem Christ steckt auch ein bisschen Jude“

Hofheim – Über die vergangenen 60 Jahre des jüdisch-christlichen Dialogs in Deutschland referierte der Rabbiner Andrew Steinman in Hofheim. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Main-Taunus-Kreis (CJZ) hatte dazu eingeladen. Als »zaghaft« beschreibt Steinman die Anfänge des Dialogs zwischen Christen und Juden in Deutschland nach der Schoah.

Rabbiner Andrew Steinman
Rabbiner Andrew Steinman

Er stützt sich dabei auf die vielen Erzählungen seines Vaters und anderer Zeitzeugen. Auf christlicher Seite habe die Versöhnung als Motiv für das Aufeinanderzugehen dominiert, bei den Juden sei es die Suche nach Sicherheit im Zusammenleben gewesen, erläutert der Rabbiner. Eine wichtige Aussage seines Vaters war: »Wenn die Christen sehen, dass wir Menschen sind wie sie, werden sie uns nicht verfolgen. «Steinman fügt in seiner lebendigen Art noch den Satz hinzu: »In jedem Christ steckt auch ein bisschen Jude.« Steinman ist Rabbiner an der Henry und Emma-Budge-Stiftung in Frankfurt und zugleich auch Vorstandsmitglied im Dachverband »Deutscher Koordinierungsrat(DKR)«. Dem DKR gehören 83 lokale und regionale Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit an.

Rückblickend auf fast 2000 Jahre Geschichte gab es noch nie so viel Aufbruch im Verhältnis zwischen Juden und Christen wie seit 1949. Eine der wichtigsten Stationen im Dialog begann 1962: »Das Zweite Vatikanische Konzil war für uns Juden ein Meilenstein«, so Steinman. »Johannes XXIII. war für die Generation meiner Eltern und Großeltern ein Heiliger. «Vor allem das damalige Zugehen des Papstes auf jüdische Geistliche mit dem Satz »Ich bin euer Bruder Josef« habe viele Juden zu Tränen gerührt.

Aktuell sieht die Situation aber leider anders aus: Der Vatikan und allen voran Papst Benedikt XVI. hätten den Dialogprozess um 50 Jahre zurückgeworfen, urteilt Andrew Steinman. Die Vorgänge um die Pius-Bruderschaft und den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson führten nicht nur bei vielen Juden zur Verärgerung, sondern vor allem auch bei zahlreichen Katholiken. Steinman berichtet, dass noch nie so viele katholische Christen an seinem Arbeitsplatz in der Budge-Stiftung zu ihm in die Seelsorge gekommen seien wie in den vergangenen Wochen. Die Verbitterung über das Verhalten des Papstes sei nach seinen Erfahrungen sogar auf katholischer Seite größer als auf der jüdischen. »Der Papst drückt auf die Seele«, so Steinman.

Immerhin habe der Dialog auf unterer Ebene von der aktuellen Lage profitiert. Im Gegensatz dazu seien die bisherigen jährlichen Treffen von Ober-Rabbinern und katholischen Bischöfen »flach und peinlich« gewesen. Steinman spricht bildhaft von einem Ober- und Unterbau beim christlich-jüdischen Dialog. Der Unterbau laufe dem Oberbau davon. Es gelte, die Unterschiede beider Religionen zu respektieren. Für die Zukunft des Dialogs lautet seine wichtigste Forderung an die Christen deshalb: »Hört auf zu missionieren!« Auch nach 60 Jahren sei der Dialog in beiden christlichen Kirchen immer noch ein schwieriges Thema. Auch dass sich nur so wenige Juden in den 83 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit engagieren, merkt Steinman an. Er beschließt seinen Vortrag mit einem Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: »Alles Leben ist Begegnung« und ergänzt: »Ich bedanke mich für diese Begegnung.«

(veröffentlicht in der Evangelischen Sonntags-Zeitung vom 15.03.2009)