Nur die Liebe zählt

Ungewöhnliche Musikeinlage für einen Gottesdienst: Sänger und Songschreiber Mave O´Rick
Ungewöhnliche Musikeinlage für einen Gottesdienst: Sänger und Songschreiber Mave O´Rick

„Ja, die Kirche muss homosexueller werden.“, verkündete Pfarrer Karsten Böhm beim „GoGay“-Gottesdienst der Andreasgemeinde, am vergangenen Sonntag im Kinopolis. Um das unter Christen und Kirchenvertretern streitbare Thema näher zu beleuchten, waren allerdings nur homosexuelle Referenten eingeladen. Für einen schrillen Showrahmen sorgte der Sänger „Mave O´Rick“, bekannt von zahlreichen Auftritten bei Schwulen- und Lesbenevents, wie dem Christopher Street Day.

Die Moderation für die Gottesdienst-Show teilten sich Julia Friedrichs und Timo Becker, der aus der Theaterarbeit der Gemeinde bekannt ist. Timo Becker überraschte seine Co-Moderatorin nicht mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität auf der Bühne, sondern mit seinem Kommentar zu den am Eingang verteilten Luftballons. Die Ballons symbolisierten die Buntheit der Gemeinde oder man könne auch die heiße Luft rauslassen. „Wenn sie keine haben, können sie vielleicht ihrem Nachbarn einen blasen.“

Gottes Bodenpersonal kann manchmal gnadenlos sein

Dr. Valeria Hinck ist Autorin des Buches "Streitfall Liebe - Biblische Plädoyers wider die Ausgrenzung homosexueller Menschen"
Dr. Valeria Hinck ist Autorin des Buches „Streitfall Liebe – Biblische Plädoyers wider die Ausgrenzung homosexueller Menschen“

Ganz ohne provozierende Töne erzählte Dr. Valeria Hinck ihre persönlichen Erlebnisse. Die Buchautorin und Ärztin fand in einem pietistisch geprägten Jugendkreis zu Gott, musste aber nach dem Outing ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung im christlichen Freundeskreis Ablehnung erfahren. Die Probleme habe es nur mit dem „Bodenpersonal“ in der Gemeinde gegeben. Ihr Gottesbild konnte das aber nicht erschüttern. „Gott liebt mich und steht zu mir“, sagte Valeria Hinck, die seit 18 Jahren mit einer Frau zusammen lebt. Ihr Traum von Kirche: „Das die Andreasgemeinde offener wird für Homosexuelle.“

Der Papst im Fadenkreuz schwuler Kritik

Als zweiter externer Referent des Gottesdienstes trat Dr. David Berger auf. „Ich stehe hier als katholischer Theologe“, erklärte Berger, der zusammen mit Sänger Mave O´Rick quer durchs Land auf ähnlichen Veranstaltungen unterwegs ist. Ein Zitat von der Website des Sängers beschreibt das Auftreten im Gottesdienst der Andreasgemeinde sehr treffend:

„Mit seinem Outing zur Homosexualität und dem darauf folgenden Bestseller „Der heilige Schein“, avanciert der Buchautor David Berger seit fast zwei Jahren zum theologischen Vordenker und politischen Redeführer des deutschen Widerstandes gegen die homophobe und erzkonservative katholische Kirchenpolitik unter dem Pontifikat des deutschen Papstes XVI.“

Während eines Songs von Mave O´Rick im Kinopolis wurde ein Bild des Papstes auf der Leinwand eingeblendet, wie er einen Imam küsst.

„Die katholische Kirche muss nicht homosexueller, sondern schwuler und lesbischer werden“, postulierte David Berger. Der wichtige Unterschied bei den Begrifflichkeiten ist nach seinen Worten, dass „schwul“ und „lesbisch“ das gesamte Leben bezeichnen würden und nicht nur ein medizinisch, psychologischer Terminus seien, wie „homosexuell“.

Homosexualität ist keine Sünde

Die einseitige Diskussionsrunde (vlnr): Dr. David Berger, Julia Friedrichs, Dr. Valeria Hinck, Timo Becker und Pfarrer Karsten Böhm
Die einseitige Diskussionsrunde (vlnr): Dr. David Berger, Julia Friedrichs, Dr. Valeria Hinck, Timo Becker und Pfarrer Karsten Böhm

Die Zuschauer konnten wie in jedem GoSpecial-Gottesdienst ihre Fragen zum Thema auf Karten schreiben. Die Beantwortung übernahm live auf der Bühne neben den beiden Referenten auch Pfarrer Karsten Böhm.

Erwartungsgemäß tauchte die Frage nach den verurteilenden Bibelstellen zum Thema Homosexualität auf, die Karsten Böhm beantwortete. Die todeswürdige Verurteilung von Homosexualität im 3. Buch Mose stehe im gleichen Zusammenhang wie am Sabbat zu arbeiten oder Schalentiere zu essen. Jesus habe sich selbst nie zur Sexualität geäußert. Und als seine Jünger die Sabbatregel brachen, habe er dies zugelassen. „Die Liebe ist das Entscheidende. Jesus geht es um die Menschen und nicht um Regeln. Jesus brach die Regeln Tag für Tag“, erläuterte der Niederhöchstädter Gemeindepfarrer.

Schwule und Lesben sind in der Andreasgemeinde willkommen

Mit der Bibel seien auch Sklaverei und Apartheid begründet worden, das habe sich geändert, so werde es letztendlich auch mit der Homosexualität sein. Karsten Böhm zog für die Andreasgemeinde das Fazit: „Ja, die Kirche muss homosexueller werden. Wir wollen, dass homosexuelle Menschen bei uns eine Heimat finden. Homosexuelle und Heteros sind eingeladen.“

Den emotionalen Abschluss des GoGay-Gottesdienstes bildeten Lobpreislieder, das Vater Unser und der Segen.

(Veröffentlicht am 12. September 2012 in der damaligen Eschborner Zeitung)