Vielen fehlen die persönlichen Netze

Marcus Krüger (rechts) und Birgit Bürkin (links) helfen Ratsuchenden im Sozialbüro Main-Taunus.
Marcus Krüger (rechts) und Birgit Bürkin (links) helfen Ratsuchenden im Sozialbüro Main-Taunus.

Hofheim – Immer mehr Menschen brauchen Hilfe, um ihren Alltag zu meistern. Das zeigen die Beratungszahlen des Sozialbüros Main-Taunus. Wenn im Sozialbüro Main-Taunus die Zahlen der Beratungen steigen, dann ist das nicht einfach nur eine statistische Größe, sondern ein Spiegel für gesellschaftliche Veränderungen.

Menschen mit Problemen bei der Existenzsicherung, bei Schwierigkeiten im Ehe- und Familienleben oder bei drohender Obdachlosigkeit suchen eine der beiden Beratungsstellen in Hofheim oder Eschborn auf.

Im Jahr 2008 kamen 3168 Ratsuchende, das sind 9,5 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor und die Zahlen steigen zurzeit weiter, berichtet Marcus Krüger, der Leiter des Sozialbüros, zu dessen Verbundpartnern auch das Diakonische Werk Main-Taunus gehört.

Vor allem die Gruppe der sogenannten „Aufstocker“ werde immer größer. Das sind Menschen, die zwar einer regelmäßigen bezahlten Beschäftigung nachgehen, deren Arbeitslohn aber nicht zum Leben reicht. Die Sozialbehörde des Main-Taunus-Kreises schießt in solchen Fällen Geld zu. Doch welche Möglichkeiten für zusätzliche Leistungen bestehen und welche rechtlichen Bedingungen zu erfüllen sind, wissen die meisten Ratsuchenden nicht. Die Beraterinnen und Berater im Sozialbüro stehen hier mit ihrem Fachwissen zur Seite.

Leonore Mosberger ist Rechtsanwältin und pensionierte Richterin. Sie spricht von einer deutlichen Tendenz zur Verrechtlichung der Arbeit. Gemeinsam mit einer weiteren Kollegin und einem Kollegen bieten diese ehrenamtlichen Mitarbeiter kostenlose Rechtsberatung auf den Feldern Familienrecht, Ausländerrecht und Sozialrecht an. Wie man mit dem wenigen Geld, das man verdient oder als Leistungsempfänger vom Staat erhält, auskommen kann, ist das Fachgebiet von Birgit Bürkin, die eine Budgetberatung zur Schuldenprävention anbietet.

Die Wirtschaftskrise ist sicherlich ein großer Faktor beim Anstieg der Ratsuchenden, allerdings hat Marcus Krüger noch eine Zahl ermittelt, die aufhorchen lässt: In das Hofheimer Büro kamen bisher 45 Prozent Alleinstehende, Tendenz steigend und zwar durch alle Altersgruppen und soziale Schichten hindurch. Dadurch, dass immer mehr Menschen nicht mehr in familiären Beziehungen leben, gehen oftmals die persönlichen Netze verloren. In einer Notsituation gibt es dann keine vertrauensvollen Ansprechpartner im persönlichen Umfeld. Seelsorger in den Gemeinden leiten Ratsuchende deshalb direkt ans Sozialbüro weiter, erklärt Marcus Krüger.

Einen weiteren wichtigen Grund für die immer häufiger nachgefragten Beratungsangebote sehen die Mitarbeiter des Sozialbüros in der Verarmungsspirale. Je länger beispielsweise die Arbeitslosigkeit oder der Bezug von sozialen Leistungen dauert, desto stärker werden noch vorhandene finanzielle Ressourcen aufgezehrt. Sozialrechtlerin Uta Deselaers macht es am banalen Beispiel einer Winterjacke fest. Im ersten und zweiten Jahr ohne weitere Einnahmen außer den Sozialleistungen kann noch die alte Jacke getragen werden. Doch wenn die dann kaputt geht, fehlt häufig das Geld für eine Neuanschaffung. Es kommt schrittweise zum sozialen Abstieg.

(veröffentlich in der Evangelischen Sonntags-Zeitung vom 02.08.2009)