
Hofheim – Zwei Wohngemeinschaften hat der Evangelische Verein für Innere Mission (EVIM) im Main-Taunus-Kreis eingerichtet. Damit soll psychisch Kranken der Weg in einen selbstständigen Alltag geebnet werden.
Sein Leben weitestgehend selbstständig zu organisieren, ist für Rolf Müller (Name geändert) eine ganz neue Erfahrung. Der 52-Jährige ist einer der ersten vier Bewohner einer neuen Außenwohngruppe von EVIM in Hofheim. Der Verein hat sein bisheriges Betreuungsangebot für psychisch Kranke im Main-Taunus-Kreis seit Anfang dieses Jahres um zwei Wohngemeinschaften erweitert. Der Verein will damit den Weg von stationären Wohnplätzen zu einem selbstständig bewältigten Alltag ermöglichen.
Rolf Müller war an Depressionen erkrankt und ist zusätzlich durch Diabetes belastet. 2005 gab es für ihn im Main-Taunus-Kreis keinen geeigneten Betreuungsplatz und so blieb ihm nur die Möglichkeit der Unterbringung in einem Altenheim. Das war der falsche Ort für einen noch relativ jungen Mann. Im August 2006 konnte Müller dann in das neu gebaute Wohnheim der EVIM in Hofheim umziehen. In dem Haus am Schwarzbach werden zwölf Personen stationär betreut. Vier von ihnen sind vor kurzem in die Außenwohngruppe umgezogen, unter ihnen auch Rolf Müller.
In der Betreuungseinrichtung am Schwarzbach gibt es aber deswegen noch lange keine leeren Zimmer. Die Warteliste im Main-Taunus-Kreis für einen Platz ist lang. Der Bedarf sei sehr hoch, erklärt Renate Pfautsch von EVIM. Der Verein befindet sich deshalb bereits in der Planung für den Bau eines zweiten Wohnhauses.
Damit die stationär betreuten Menschen eine Chance haben, ihr Leben wieder selbst zu gestalten, bietet EVIM die Außenwohngruppen an. Der Verein hat in einem ruhig gelegenen Hofheimer Wohngebiet mit Ein- und kleineren Mehrfamilienhäusern zwei Wohnungen gemietet. Jede Wohngemeinschaft hat drei private Zimmer, eine gemeinsame Wohnküche und ein Bad. Gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin, die regelmäßig kommt, planen die Bewohner ihr Mittagessen und den Einkauf. Als Budget gibt es dafür pro Monat 200 Euro.
Rolf Müller lebt gemeinsam mit einem anderen Mann in seiner Wohngemeinschaft, demnächst kommt eine weitere Person dazu. Trotz aller Selbstständigkeit ist für die Bewohner jederzeit ein Betreuer von EVIM erreichbar.
Holger Thewalt, der Leiter des Hauses am Schwarzbach und des psychosozialen Zentrums Main-Taunus-Mitte, spricht von einem doppelten Boden im Hintergrund, der Sicherheit gibt. Renate Pfautsch fasst das Konzept wie folgt zusammen: »Unser Ziel ist es, unsere Klienten zu fördern und zu fordern, um für sich eine Zukunftsperspektive zu entwickeln und die Chance zu haben, sich in das Gemeindeleben zu integrieren.« Das Angebot an Außenwohngruppen soll deshalb künftig weiter ausgebaut werden. Allerdings sei es in Hofheim nicht leicht, bezahlbaren Wohnraum auf dem normalen Wohnungsmarkt zu finden, erklärt Thewalt.
Mit dem Frühling kommt wieder einiges an Arbeit auf Rolf Müller zu, die er mit großer Motivation erledigt: Die Pflege der Grünanlage um das Wohnhaus am Schwarzbach. Müller behält diese Aufgabe trotz des Umzugs bei und will – wenn der Vermieter dies erlaubt – zusätzlich auch den Garten um die Außenwohngruppe dazu nehmen.
(veröffentlicht in der Evangelischen-Sonntagszeitung vom 26.04.2009)