Zu Besuch bei der Mahnwache

Wer campiert bei diesen winterlichen Temperaturen freiwillig neben einer großen Straßenkreuzung in Frankfurt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Iraner, deren Ziel eine neue Revolution in ihrem Heimatland ist, ein Systemwechsel, hin zu einer Demokratie. Die Örtlichkeit ist brisant.

Es ist Freitag 12:20 Uhr, auf dem Grasstreifen neben der Kreuzung Eschborner Landstraße/Am Seedamm im Stadtteil Rödelheim ist niemand zu sehen, aber aus dem weißen Zelt sind Stimmen zu hören. Ich klopfe auf eine der Tafeln mit Bildern von Frauen und Männern, die in den letzten Monaten im Iran bei den Protesten gegen das Mullah-Regime ihr Leben lassen mussten. Die Eingangsseite des Zelts ist voll damit. Man bittet mich herein, ich habe keine Ahnung wer und was mich drinnen erwartet.

Zelt
Das Zelt der Mahnwache

Der Empfang ist sehr freundlich, zwei junge Männer sitzen auf Nachtlagern, vor ihnen steht ein gasbetriebener Campingheizstrahler, rundherum liegen alle möglichen Utensilien, Obst und Wasserflaschen. Ich stelle mich als Reporter vor und sage, dass ich über die Mahnwache berichten und mir selbst ein Bild davon machen will, ob die Anschuldigungen des Zentrums gegenüber stimmen, die sich in ihrer Religionsausübung gestört fühlen.

Seit dem 06. Januar steht das bewohnte Zelt auf dem Grünstreifen an der Straßenkreuzung. Direkt gegenüber der rund um die Uhr eingerichteten Mahnwache befindet sich das Zentrum für Islamische Kultur (ZIK). Der schiitische Religionsverein mit Moschee soll ein Außenposten des iranischen Mullah-Regimes sein, behaupten die Demonstranten. Vertreter des ZIK bestreiten das vehement und verweisen auf ihre friedliche, unpolitische Arbeit. Allerdings hat das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen andere Erkenntnisse (siehe Beitrag).

Ich frage die beiden Männer, ob ich ein Foto von ihnen im Zelt machen darf, inzwischen ist ein dritter dazu gekommen. „Kein Problem“, sagen Kourosh und Payam, der weitere Mann bleibt ohne Namen.

Unsere folgenden Gespräche sind sehr aufschlussreich, es geht um Beobachtungen, Personenverbindungen und Hintergründe. In Richtung der Medien äußern die Aktivisten Kritik, sie vermissen mehr Berichterstattung über die Lage im Iran und die Arbeit der Demonstranten. Bisher sei kein Vertreter der lokalen und regionalen Medien bei ihnen gewesen. Mich wundert das aufgrund der Relevanz kurz vor der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt. Die Feststellungen des Verfassungsschutzes sind schwerwiegend, und das ist nur die öffentliche Version.

Demonstranten
Die Polizei steht zwischen dem schiitischen Religionszentrum und den Demonstranten

Gegen 12:40 Uhr ist es dann soweit, es ist Zeit für das Freitagsgebet im Zentrum gegenüber. Auf dem Grasstreifen mit dem Zelt treffen immer mehr Demonstranten ein. Hier geht es ganz säkular zu, ohne Gebete. Die Polizei ist inzwischen mit Kräften in Gruppenstärke vor Ort, um die angemeldete Versammlung im kleinen Protestcamp zu überwachen.

rote Farbflecken an der Hauswand
Wer die Farbbeutel tatsächlich geworfen hat ist unklar, das ZIK stößt bei vielen Exil-Iranern auf Ablehnung.

Hinter dem Eingangstor des ZIK stehen zwei private Sicherheitsmitarbeiter und eine Art Türsteher, der jeden überprüft, der zum Freitagsgebet in die Imam Ali Moschee auf dem Gelände will. Auf der Hauswand des Gebäudes mit den Seminar- und Aufenthaltsräumen sind noch die blutroten Flecken von der Farbbeutelattacke zu sehen, die in der Nacht des 5. Februar stattgefunden haben soll.
Ich versuche mit einem der Sicherheitskräfte ins Gespräch zu kommen, aber er reagiert abweisend, ob es an meiner Rolle als Journalist liegt weiß ich nicht. Auf jeden Fall macht die Szenerie keinen einladenden Eindruck auf mich, so wie ich es von anderen Moscheen kenne.

Der Einsatzleiter der Polizei nimmt Kontakt mit den Demonstranten auf, erläutert kurz die bekannten Auflagen, plus der Ergänzung mit einer Verschiebung der Protestaktion um 15 Minuten nach hinten. Es geht um die aufgebaute Lautsprecheranlage, durch die sich die Betenden in der Moschee gestört fühlen. Die inzwischen auf rund 20 Personen angewachsene Versammlung nimmt das locker. Der kleine Stromgenerator ist vollgetankt, um 13:15 Uhr kann es losgehen.

Demonstranten
Der Protest gegen das Mullah-Regime ist emotional aufgeladen

Laute Musik,Gesänge, Anklagen auf Farsi und in deutscher Sprache schallen über die Straßenkreuzung in Richtung des islamischen Zentrums. Wer auf einer der iranischen Demos seit Mitte September letzten Jahres dabei war, kennt die Inhalte und die Slogans. Das Mullah-Regime in Teheran wird als terroristisch bezeichnet, die EU und die Bundesregierung werden aufgefordert die Iranische Revolutionsgarde als terroristische Gruppierung einzustufen. Eine weitere Hauptforderung ist die Freilassung aller politischen Gefangenen und der Stopp von Folter und Hinrichtungen. Das Ziel ist eine neue Revolution im Iran, die zu Freiheit, Menschenrechten und Demokratie führen soll.

Gegen 14 Uhr verlasse ich den Ort des Geschehens. Die Demonstranen haben sich inzwischen mit ihren Rufen auf die andere Straßenseite teilweise in Rage gebracht. Immer wieder treffen weitere Personen ein, so dass die Gesamtzahl jetzt über 30 liegt. Ein anderer Teil sei mit einem Fernsehteam der ARD in der Innenstadt, erklärt man mir, dort werde eine Reportage gedreht.

Da die iranischen Aktivisten, die aus fünf verschiedenen Zusammenschlüssen die „Revolutionsgruppe Frankfurt“ bilden, an der Rödelheimer Straßenkreuzung so lange weitermachen wollen, bis das ZIK verschwindet, ist die Politik gefordert.