Buchcover Keine Lizenz zum Toeten

Buchbesprechung: Keine Lizenz zum Töten

Der Buchuntertitel machte mich neugierig: „30 Jahre als BND-Mann und Geheimdiplomat“. Um es gleich vorweg zu nehmen, es ist kein Enthüllungsbuch eines Ex-Geheimdienstlers, das politische Akteure am liebsten nicht gedruckt sehen würde.

n der Einleitung beginnt der Autor Gerhard Conrad von seinen letzten Tagen als Direktor einer Einrichtung in Brüssel zu berichten, die viele nicht kennen dürften, weil sie sehr selten in den Nachrichten auftaucht: das EU Intelligence Analysis Center (EU INTCEN). „Alle zivilen Geheim- und Nachrichtendienste der EU-Mitgliedsstaaten stehen mit diesem Stab in Verbindung und unterstützen ihn.“

Aber bevor der Leser am Ende des Buchs tiefere Einblicke in die Arbeit und Strukturen dieser spezieller Institution in Brüssel erfährt, nimmt BND-Mann Conrad ihn mit auf die Reise in den Nahen Osten. Viele Kapitel lang geht es um die Vermittlung zwischen den Terrororganisationen „Hizballah“ (Schreibung durch den Autor) und der Hamas und Israel, um inhaftierte Kämpfer gegen israelische Soldaten oder ihre sterblichen Überresete auzutauschen.

Es sind sehr detailreiche Schilderungen mit vielen zeitgeschichtlichen Zusatzinformationen, die der Biografie des Autors geschuldet sind. Bereits als Student der Orientalistik erlebte er auf seiner Fahrt mit dem Sammeltaxi von Damaskus nach Beirut zum Institut der Deutschen Morgenländichen Gesellschaft das, was seine Altersgenossen 1979 bestenfalls aus den Fernsehnachrichten kannten. Für seine spätere Tätigkeit beim Bundesnachrichtendienst, als Spezialist für den Nahen und Mittleren Osten, waren diese frühen Erfahrungen äußerst wertvoll.

Die in den Kapiteln detailreich beschriebenen Szenarien aus dieser Region erinnern zunächst an Kinofilme wie „Spygame“ oder „Der Mann, der niemals lebte“. Aber Gerhard Conrad räumt in der Schilderung seiner Einsätze auf mit Action-Fantasien. Seine Missionen für den deutschen Auslandsnachrichtendienst hatten diplomatischen Charakter, ganz ohne Waffe im Schulterholster unter dem Jackett.

Ohne die Schilderungen war mir gar nicht bewusst, in welchem Umfang sich Deutschland seit Jahrzehnten für Vermittlungsaufgaben im Sinne Israels engagiert.

Das Buch kann man in Bezug auf Behördenlaufbahnen der Perspektive aus dem „Höheren Dienst“ zurordnen. Ein Mitarbeiter der operativen Aufklärung, den man gemeinhin als Agent aus dem Kino und Fernsehen kennt, hätte sicherlich eine andere Akzentuierung bei seinem beruflichen Rückblick.

Gerhard Conrad lässt neben seinen persönlichen Erlebnissen die geschichtliche Darstellung und Entwicklung des BND nicht fehlen. Die Abgrenzung zwischen einem Nachrichten- und einem Geheimdienst kommt als Grundlagenwissen für fachlich nicht versierte Leser dazu. Dem Autor ist das politische Verständnis für die Relevanz der Auslandsaufklärung ein Anliegen, das er ausführlich darstellt und auch mit Kritik an der Unterfinanzierung und den Versäumnissen in der Organisationsentwicklung des BND nicht spart.

Seine vorletzte berufliche Station führt Conrad nach London, als Resident des Bundesnachrichtendienstes. Sein Schwärmen für die britische Intelligence Community ist nicht zu überlesen. Der Blickwinkel auf den Aufbau und die Ausrichtung der Dienste Ihrer Majestät ist wie schon zuvor strategisch, also keine Episoden von 007, M und Q bei Universal Exports.

Die Laufbahnkrönung gipfelt für den deutschen BND-Mann in Brüssel, als Direktor beim eingangs erwähnten EU INTCEN. Er sitzt dort erst seit zwei Monaten in der Zentrale des Analyseverbunds der europäischen Nachrichtendienste, als es am 22. März 2016 zu drei Bombenanschlägen in der belgischen Hauptstadt kommt. „Mitarbeiter stehen herum und wirken nervös angesichts erster bruchstückhafter Informationen. Radio und Fernsehen werden wieder einmal zu wichtigen Quellen.“

Das Buch ist keine schnelle Lektüre für zwischendurch. Ob es um die Schilderung persönlicher Einsatzerfahrungen des Autors geht oder um die Dimensionen von Intelligence und ihrer Bewertung, die Sprache entspricht einem Sachbuch. Wer es „durcharbeitet“ hat definitiv einen fachlichen Zugewinn.

Gerhard Conrad, Martin Specht: Keine Lizenz zum Töten, ISBN 9783430210799, ECON

Umschlagsgestaltung: total italic, Thierry, Foto: Yotam Schwarz