Mann arbeitet im Homeoffice

Bedrohungsanalysen und Verbrecherjagd aus dem Homeoffice?

Wie läuft die Betriebsorganisation unter Pandemie-Bedingungen in Sicherheitsbehörden?

Auf der Satellitenaufnahme sind eine Art Lagerhaus und ein Lkw davor zu sehen. Der geteilte Bildschirm zeigt direkt daneben ein Foto des Lasters, das mit einem Teleobjektiv aufgenommen wurde und hinter der hochgeschlagenen Plane längliche Holzkisten erkennen lässt. Teile der Beschriftung sind nach der Bildbearbeitung deutlich lesbar.

Tim Behrendt ist sich unsicher, sind in den Kisten die „SA-16 Gimlets“, die für einen Terroranschlag nach Deutschland verbracht werden sollen? Auf der Satellitenaufnahme sind merkwürdigerweise keine Bewacher zu sehen. Aber die Beschriftung entspricht exakt dem Hinweis des französischen Partnerdienstes DGSE.

Der BND-Analyst will sich auf dem zweiten Monitor per Videochat mit seinen Kollegen absprechen, da geht die Tür des Arbeitszimmer auf: „Papa, kannst Du mich bitte die Englisch-Vokabeln abfragen?“

Die beschriebene Szene ist erfunden. Real ist aber die Herausforderung für Nachrichtendienste, Polizeipräsidien und andere Behörden, die mit Verschlusssachen und geheimen Unterlagen arbeiten, die Anzahl der Mitarbeiter zu reduzieren, die sich in den Büros begegnen. Gibt es Homeoffice für „Intelligence Analysts“, Kriminalkommissare und Sachbearbeiter, die zum Beispiel hoch sensible Rüstungsexporte genehmigen müssen?

Nachrichtendienste unter Pandemie-Bedingungen

„Soweit es die besonderen Sicherheitsanforderungen erlauben, nutzt auch ein Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im BND die Möglichkeit des mobilen Arbeitens.“, erläutert Pressesprecher Martin Heinemann. Nähere Einzelheiten gibt der Auslandsnachrichtendienst allerdings aus „grundsätzlichen Erwägungen“ nicht bekannt.

Seine Kollegin beim Bundesamt für Verfassungsschutz wird schon etwas konkreter: „Aufgrund der besonderen Geheimhaltungserfordernisse des BfV können nur ausgewählte Tätigkeiten im Homeoffice erledigt werden. Es handelt sich hierbei insbesondere um solche Tätigkeiten, die keine Arbeit mit Verschlusssachen erfordern.“ Pressesprecherin Angela Pley führt weiter aus, dass seit Anbeginn der Pandemie ein Krisenstab die Arbeitsfähigkeit des Verfassungsschutzes vollumfänglich sicherstelle. „Soweit mit den internen Betriebsabläufen vereinbar, wird den Mitarbeiter/innen eine Arbeit von Zuhause ermöglicht.“

Auch das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen hat in der gegenwärtigen Pandemie-Lage Mitarbeiter, die im Homeoffice arbeiten. Genau wie beim Inlandsnachrichtendienst auf Bundesebene bleiben allerdings klassifizierte Vorgänge im Amt. „Arbeiten, die einen Umgang mit besonders schutzbedürftigen Verschlusssachen erfordern, dürfen zum Beispiel nicht im Homeoffice verrichtet werden.“, erläutert Pressesprecher Christian Scheh.

Das Problem sind nicht nur neugierige Nachbarn

Je nach Jahreszeit und Wetterlage verlegt so mancher gerne das Homeoffice auch in den Garten oder auf den Balkon und wenn es nur die Rauchpause bei gleichzeitigem Telefonieren ist. Die falschen oder besser gesagt „richtigen“ Stichworte und die Nachbarin, die gerade Wäsche aufhängt, bekommt Ohren wie Rhabarberblätter.

Alleine die Kenntnis, dass der Nachbar bei einem Nachrichtendienst beschäftigt ist, wäre ein Sicherheitsrisiko für ihn und seine Familie.

Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob es bereits Einbrüche in ein Homeoffice gab. Dazu Christian Scheh: „Im Hinblick auf das LfV Hessen selbst sind bislang keine Fälle bekannt, in denen Straftäter die Homeoffice-Tätigkeiten von LfV-Mitarbeiterinnen oder -Mitarbeitern ausgenutzt und zum Beispiel Einbrüche verübt haben.“

Objekt- und Geheimschutz

In einer Sicherheitsbehörde sind die Arbeitsbereiche der Mitarbeiter, vor allem derer, die mit geheimen Vorgängen oder Verschlusssachen betraut sind, normalerweise ausreichend geschützt, wie gesagt normalerweise.

Im vergangenen Februar merkte das Bundesamt für Ausfuhrkontrolle und Wirtschaft BAFA in Eschborn, was passiert, wenn der Objektschutz nicht angemessen organisiert ist. Linksextreme Aktivisten übersprangen damals die Zugangskontrolle und filmten sich tanzend in den Bürogängen. Das Video landete später in den sozialen Netzwerken und wurde in der linken Szene als geglückte Demo gegen Rüstungsexporte gefeiert.

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Werden Rüstungsexporte und andere Aufgaben des BAFA von den Mitarbeitern Pandemie-bedingt im Homeoffice bearbeitet? Die Antwort darauf von Pressesprecher Dr. Nikolai Hoberg fällt indirekt aus: „Das BAFA ist als Bundesoberbehörde in die IT-Sicherheitsarchitektur der Bundesregierung integriert. Für alle Fragen zu mobilem Arbeiten und den zugehörigen sicherheitsrelevanten Fragen stimmt sich das BAFA mit den zuständigen Behörden eng ab. Beispielsweise hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Zuge der Corona-Pandemie eine Pressemitteilung zu diesem Thema veröffentlicht.“

Eine getunnelte Netzwerkverbindung (VPN) ins Homeoffice ist Standard

In der freien Wirtschaft werden organisatorische Sicherheitsmaßnahmen oftmals anders bewertet. Wie eine Befragung im erweiterten Bekanntenkreis ergab, laufen Homeoffice und Homeschooling derzeit parallel, bei gutem Wetter auch auf der Terrasse oder im Garten. Es geht zwar inhaltlich nicht um schultergestützte Kurzstrecken-Boden-Luft-Raketen russischer Bauart, mit dem NATO-Codenamen „SA-16 Gimlet“, aber durchaus um vertrauliche Bank- und Wirtschaftsdaten.

Wie läuft es bei der Polizei?

Sofern sich Ermittlungen als reine Bürotätigkeiten darstellen, oder zum Berichteschreiben, nutzt die hessische Polizei die Möglichkeiten des Homeoffice, um die Gesunderhaltung der Mitarbeiter und damit die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit der Behörde sicherzustellen. „Den Mitarbeitern steht hierfür die gleiche sichere IT-Infrastruktur zur Verfügung wie auf der Dienststelle.“, teilt Thomas Hollerbach stellvertretend für die gesamte hessische Polizei mit. Er ist Pressesprecher im Polizeipräsidium Frankfurt am Main. Auch das zeitlich versetzte Arbeiten im Tagesdienst sei eine organisatorische Maßnahme in den Dienststellen.

In jedem guten TV-Krimi gehören die Überschneidungen des Privatlebens und der kriminalpolizeilichen Ermittlungen zur Handlung. Bislang wurden alle gesendeten Streifen noch in der „Vor-Corona-Zeit“ gedreht, noch hat kein Kommissar eine Stoff- oder OP-Maske auf, auch die Statisten im Hintergrund nicht. Wir dürfen gespannt sein, wann der erste Fall im Homeoffice gelöst wird, parallel zum Abfragen der Englisch-Vokabeln.