Buchbesprechung

Ein Naturtalent der Informationsbeschaffung

Buchcover

Mit ihrem Buch „Undercover – Ein V-Mann packt aus“ schaffen die drei SPIEGEL-Journalisten Jörg Diehl, Roman Lehberger und Fidelius Schmid tiefe Einblicke in einen Berufsstand, der eigentlich keiner ist, der Polizeispitzel. Sie erzählen die Geschichte von Deutschlands Top-V-Mann „Murat Cem“.

Ein junger Türke übernimmt fast 20 Jahre lang die Informationsbeschaffung für die Polizei in brisanten Fällen, bei denen die Ermittler nicht weiterkommen. Drogen- und Waffenhandel und islamistischer Extremismus sind die Einsatzfelder. Den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 hätte „VP01“ gerne verhindert, aber der Staatsschutz in Deutschland hat seine eigenen föderalen Regeln.

Im Januar  2018 bekommt SPIEGEL-Redakteur Jörg Diehl eine Mail von „VP01“, der will sein Vermächtnis in die Öffentlichkeit bringen. Gemeinsam mit seinen beiden Journalisten-Kollegen eine einjährige Interview- und Recherchezeit, das Ergebnis ist das Buch über den vermutlich erfolgreichsten Polizeispitzel der deutschen Kriminalgeschichte.

Als Sohn türkischer Gastarbeiter wächst Murat Cem in einem Problemviertel irgendwo in Nordrhein-Westfalen auf. Namen und bestimmte Orte müssen in dem Buch aus Sicherheitsgründen geändert werden oder unscharf bleiben.

Die frühe kriminelle Karriere bringt Murat in Konflikt mit der Polizei, was für andere das Ende wäre, ist für ihn der Anfang einer neuen Karriere, als Vertrauensperson „VP“. Sehr detailreich und flüssig lesbar schildern die drei Autoren den Werdegang als Polizeispitzel, eingebettet in seine privaten und familiären Probleme. Ohne jegliche polizeiliche oder nachrichtendienstliche Ausbildung beginnt eine Erfolgsgeschichte, die ohne ein natürliches Talent für die Informationsbeschaffung undenkbar gewesen wäre.

Wer schon immer wissen wollte, wie es um die konkreten Einkommensverhältnisse eines V-Manns bestellt ist, der bekommt dazu viele Beispiele im Rahmen der verschiedenen Einsätze. Die Erfolge von Murat Cem sind seinen persönlichen Fähigkeiten im Kontaktknüpfen und im Improvisieren geschuldet. Immer heiklere Fälle, die er meistert, lassen ihn zum begehrten Informationsbeschaffer für verschiedene Polizeibehörden heranreifen.

Der Schwerpunkt des Buchs ist der Moment, als Murat Cem in die Salafistenszene eintaucht und damit Zugang zu den Kreisen gefährlicher Dschihadisten bekommt. Die Spiegel-Redakteure lassen gerade hier viel Hintergrundwissen aus der Zeit ab 2015 in Deutschland und den Nachbarländern einfließen, als der islamistische Terror seine bisherigen Höhepunkte in Europa hatte.

Der Anschlag vom Breitscheidplatz

Als Murat Cem in Kontakt mit dem Terroristen Anis Amri kommt, beginnen investigative Einblicke in Zusammenhänge, die der Leser bislang bestenfalls in Meldungen oder Einzelepisoden aus den Medien kennt. Hier wird die Geschichte detailreich und chronologisch erzählt.

Der Terroranschlag wurde nicht verhindert, die Hintergründe zum Warum bekommen aus dem Blickwinkel von VP01 eine ganz eigene Brisanz.

Auch das berufliche und familiäre Geschehen für Murat Cem findet bis zum Redaktionsschluss des Buchs noch kein Happy End. Ohne den Einsatz von V-Leuten geraten deutsche Sicherheitsbehörden in bestimmten Milieus schnell an ihre ermittlungstaktischen Grenzen. Dennoch ist die „Vertrauensperson“ kein Beruf im eigentlichen Sinne, von der gesetzlichen Grauzone ganz abgesehen. Murat wäre gerne weiter als VP01 im Einsatz, jetzt lebt er im Zeugenschutz.

Menschliche Informationsbeschaffung – „Human Intelligence“

Bei der Polizei spricht man von „Ermittlungen“, bei Nachrichtendiensten von → „operativer Aufklärung„, im Journalismus heißt es „investigative Recherche“. Die Schnittmenge ist groß, die Rechtsgrundlagen unterscheiden sich erheblich, die Methoden theoretisch auch. Der Erfolgsfaktor ist der Mensch im Umgang mit seinen Quellen.

Deutsche Verlags-Anstalt, SPIEGEL-Buch, Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-421-04865-3, 20,- Euro


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