Buchbesprechung

Mark Urban: Russlands neuer Spionagkrieg – Putins langer Arm in den Westen

Buchcover

Die  aktualisierte und erweitere Neuauflage des Buchs des britischen Journalisten Mark Urban enthüllt Geschehnisse mitten in unserer Lebenswelt, die der Normalbürger eher der Fiktion in einem Agententhriller mit FSK 16 zuordnen würde. Für Deutschland drängen sich erschreckende Parallelen zum Mord an einem Georgier im Berliner Tiergarten auf, der sich im August 2019 ereignete.

Der Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok A-234 auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten in der englischen Kleinstadt Salisbury, machte einen Katastrophenschutzeinsatz mit militärischer Unterstützung zur Dekontamination erforderlich und rief im März 2018 die Weltpresse auf den Plan. Der Investigativjournalist Mark Urban blickt mit seinem Buch hinter die Kulissen der Entscheidungsvorgänge und Verwicklungen in Politik und Sicherheitsbehörden, bei der Jagd nach den Tätern.

Doch bevor es zum Showdown in Salisbury kommt liegt eine lange Geschichte, die den Werdegang und die persönlichen Erlebnisse des russischen Geheimdienstoffiziers Sergej Skripal schildert. Detailreich und lebhaft geschildert, nimmt der Buchautor den Leser mit in die Welt der damaligen Sowjetunion und die großen Veränderungen in den 90er-Jahren bis in die Gegenwart.

Der Geheimdienst-Laie lernt die Unterschiede der heutigen russischen Dienste SWR, GRU und FSB kennen und ihre geschichtliche Entwicklung aus der Sowjetzeit. Im Kalten Krieg prägte vor allem der ehemalige KGB das mediale Bild im Westen. In Zeitungsartikeln verschwimmen manchmal die Begrifflichkeiten.

Man merkt dem Autor an wie er in seiner Schilderung aufblüht, als ein britischer Agent Serjej Skripal in Spanien anwirbt und der Leser ab diesem Punkt viel erfährt über die Organisation und speziellen Einheiten der britischen Geheimdienste MI5 (Inland) und MI6 (Ausland).

Mark Urban ist Jahrgang 1961 und arbeitet als Redakteur für außenpolitische Themen für die BBC Newsnight und er ist Autor mehrerer Bestseller. Für  dieses Buch über Russlands Spionagekrieg hat er auf verschiedene vertrauliche Quellen und Gesprächspartner zugreifen können. Mit Sergej Skripal selbst traf er sich mehrmals persönlich. Fast wie selbstverständlich klingt es, wenn er sein Gespräch mit dem amtierenden Leiter des MI6 am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz 2019 erwähnt.

Russlands Spionagekrieg

Spannend wird es am Ende des Buchs, wenn sich die Jagd nach den Tätern immer weiter verengt und ihre Zuordnung zum russischen Militärgeheimdienst GRU in logischer Konsequenz nicht mehr vom Tisch zu wischen ist. Präsident Wladimir Putin wird über das Anschlagsopfer, den ehemaligen Geheimagenten Skripal,  mit den Worten zitiert: „Vaterlandsverräter“, „Er ist ganz einfach ein Dreckskerl, sonst nichts.“

Dem investigativen Recherchenetzwerk Bellingcat kam bei der Identifizierung der Hauptverdächtigen und ihres Hintergrunds eine wesentliche Rolle zu.
Mit Blick auf die weiteren im Buch genannten Fälle gezielter Tötungen im geheimdienstlichen Kontext, wird die Bedeutung der Abwehrarbeit in den Nato-Staaten deutlich.

Droemer Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN: 978-3-426-30216-3


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