Wann wird ein psychisch Gestörter zum Terrorist?

Symbolfoto Kleindealer

Symbolfoto: Gerardao Cholula - pixabay.com/de

Das neue Jahr hat erst begonnen und es gibt bereits drei Gewalttaten mit Messern an verschiedenen Orten. Ein Passant ist tot, zwei weitere schwer verletzt, zwei Angreifer wurden von der Polizei erschossen der dritte kampfunfähig gemacht.

Die nach jetzigem Stand einzige Gemeinsamkeit ist, sofern die Zeugenaussagen stimmen, dass alle drei Angreifer „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben sollen, jeweils mit einem Messer bewaffnet waren und psychische Probleme gehabt haben sollen.

Die Chronologie:

03.01.2020 – Frankreich, Villejuif bei Paris: Ein 22-Jähriger, zum Islam konvertierter Mann, tötet in einem Park einen 56-Jährigen mit einem Messer, der seine Begleiterin vor dem Angreifer schützen wollte und verletzt zwei weitere Personen schwer. Die Polizei erschießt den flüchtenden Täter später in einem Nachbarort. Nach Augenzeugen soll er „Allahu Akbar“ gerufen haben.

05.01.2020 – Frankreich, Metz: Ein 30-jähriger mutmaßlicher Islamist, der vom Französischen Inlandsgeheimdient DGSI als Gefährder geführt wird, schwingt ein Messer auf offener Straße und ruft „Allahu Akbar“. Er bedroht die eintreffenden Polizisten, die schießen, er wird verletzt, aber nicht lebensgefährlich.

05.01.2020 – Gelsenkirchen: Ein 37-Jähriger, türkischer Herkunft, haut mit einem Knüppel vor einer Polizeiwache auf einen Streifenwagen, in der anderen Hand hat er ein Messer. Zeugen zufolge soll er „Allahu Akbar“ gerufen haben. Da er nicht bereit ist sein Messer abzulegen, schießt ein junger Kommissaranwärter vier Mal und trifft den mutmaßlichen Angreifer tödlich. Der 37-Jährige sei mehrfach straffällig geworden – wegen mehrerer Gewalttaten, unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, heißt es in einer Polizeimeldung vom Montagnachmittag.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Bislang gehen die Ermittler nur bei dem Angriff in Villejuif bei Paris offiziell von einem Terrorakt aus. Der 22-Jährige war der Polizei bekannt, allerdings nicht wegen terroristischer Vergehen. In einer Tasche in Tatortnähe befanden sich nach Medienberichten „religiöse Elemente“ wie salafistische Texte. Außerdem soll er eine Dscheballa, einen traditionellen arabischen Überwurf, getragen haben.

In Gelsenkirchen gäbe es keinen terroristischen Hintergrund, aber aufgrund der Zeugenaussagen wird der Fall als „Anschlag“ behandelt. Die Ereignisse in Metz bedürfen weiterer Recherche.

Gemeinsam sollen allen drei Tätern nach jetzigem Ermittlungsstand psychische Störungen, bzw. Erkrankungen sein.

Über ein Bekennerschreiben einer Terrororganisation gibt es bisher keine Meldung, deshalb muss man bis auf weiteres von Einzeltätern ausgehen.

Einsame Wölfe

Die internationale Terrorismusforschung verwendet für Einzeltäter Begriffe wie „lone actor“ oder „lone wolf“. In Deutschland spricht man ebenfalls von den „einsamen Wölfen“, bei Personen die sich selbst radikalisiert haben und einen terroristischen Angriff durchführen. Aber ab wann wird ein Gewalttäter und Mörder zum Terrorist?

Bruce Hoffman leitet in seinem gleichnamigen Standardwerk¹ die Definition für „Terrorismus“ über die wechselhafte geschichtliche Entwicklung bis heute her und kommt aufgrund seiner langjährigen Forschungsarbeit zu folgender Zusammenfassung:

Terrorismus ist in seinen Zielen und Motiven grundsätzlich politisch; er setzt Gewalt ein oder droht – ebenso bedeutsam – Gewalt an; er strebt weitreichende psychologische Auswirkungen an, die über das unmittelbare Opfer oder Ziel hinausgehen.

Terrorismus kann entweder von strukturierten Organisationen, kleinen Zellen oder unabhängigen Einzelpersonen verübt werden. Die sogenannten „einsamen Wölfe“ werden für sich selbst zum Teil einer übergeordneten Ideologie, indem sie diese für sich übernehmen und mit ihrem Handeln dazu beitragen wollen, die Ziele zu erreichen.

Interessant ist die Einordnung von Hoffman, dass Terrorismus  von „subnationalen oder nichtstaatlichen Akteuren“ betrieben wird.

Da man nicht die Hintergedanken eines Täters lesen kann, bleiben den Ermittlern nur greifbare Anhaltspunkte, um auf seine Motivation zu schließen. Mit wem hatte er Kontakt? Welche Seiten hat er im Internet besucht? War er in Diskussionsforen aktiv? Was sagen Zeugen über seine bisherigen Aktivitäten?

Trotzdem bleibt jede Aussage zur tatsächlichen persönlichen Motivation des Täters eine Mutmaßung, wenn man ihn nicht mehr selbst dazu befragen kann.

[1]: Bruce Hoffman: Terrorismus – Der unerklärte Krieg – Neue Gefahren politischer Gewalt, erschienen bei S. Fischer, Frankfurt am Main, April 2019


Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*