Nacht des offenen Fensters im Rathaus

Rathausrueckseite

Blick auf die dunkle Gebäuderückseite. Eine leicht zu transportierende, ausziehbare Leiter aus dem Baumarkt hätte am Montagabend gereicht, um unbemerkt ins Eschborner Rathaus zu gelangen.

Eigentlich sollte es eine weitere Recherche zur Rauschgiftkriminalität in Eschborn werden, aber ein offenes Rathausfenster änderte meinen Plan zum Nachtbeginn am späten Montagabend.

Anfangs schien alles ruhig und menschenleer zu sein, kurz nach 22 Uhr im Fasanenweg. Nur die Grillen zirpten in die Dunkelheit hinein. Keine Geräusche und kein Licht im „Depot“, auch auf dem Bachweg war niemand zu sehen. Ich änderte meine Position, um von der Helfmann-Brücke einen Blick in die vorderen Fenster des verlassenen Wohnhauses auf dem ehemaligen Baumschulgelände werfen zu können.

Nun stand ich im Licht der Laternen auf der Elisabethenstraße.  Plötzlich tauchte ein junger Mann von der anderen Brückenseite kommend auf. Er blieb kurz stehen, als er mich erblickte, lief dann weiter mit seiner schwarzen Basecap an mir vorbei, bog in den Fasanenweg ein und verschwand im Dunkel der beginnenden Nacht.

Würde er nicht zum „Depot“ gehen, dann müsste er an der Einmündung des Fasanenwegs in die Unterortstraße wieder auftauchen. Ich konnte ihn dort aber nicht entdecken, also schob ich eine kurze Fahrt zum Rathaus ein. Ich hatte bereits gegen 19:50 Uhr ein sperrangelweit offenes Fenster auf der Rückseite im ersten Stock entdeckt. Irgendwas sagte mir, dass dieses Sicherheitsproblem wahrscheinlich immer noch besteht.

Der kleine Mann im Ohr behielt Recht und auch im Bürgermeisterzimmer brannte noch Licht, als ich um 22:35 Uhr auf dem Rathausplatz eintraf. Das städtische Verwaltungsgebäude war in den letzten zwei Jahren mehrmals zum Ziel von Einbrechern geworden, die teilweise erhebliche Sachschäden an den Eingangstüren hinterließen. Besonders spektakulär waren die vermutlich jungen Täter, die eindrangen, einen Raum verwüsteten und dort ihre leeren Pizzaschachteln hinterließen.

Ich umrundete einmal das gesamte Rathaus, um mir einen Überblick über die Lage zu verschaffen. In den Fraktionsräumen auf der Rückseite war alles dunkel, auch sonst konnte ich niemanden im Gebäude entdecken. Auf einer der Bänke am Bachweg hinter dem Rathaus versammelten sich mehrere junge Leute, eine normale Szenerie.

Es blieb nichts anderes übrig, ich rief die Stadtpolizei auf dem öffentlich bekannten Bereitschaftstelefon an, das normalerweise direkt auf das Dienstsmartphone im Streifenwagen weitergeschaltet ist. Aber niemand ging dran. Jetzt hatte ich die A-Karte gezogen.

Heimfahren und das angelweit offene Fenster, auf der dunklen Gebäuderückseite, als Gelegenheit für Einbrecher zurücklassen? Und was ist mit dem Bürgermeisterzimmer, liegt dort möglicherweise jemand umgekippt auf dem Fußboden?

Nach einem erneuten erfolglosen Versuch die Stadtpolizei zu erreichen rief ich bei der Landespolizei in Niederhöchstadt an. Zehn Minuten später kam eine Streifenwagenbesatzung. Gemeinsam inspizierten wir das offene Fenster. Die beiden jungen Beamten verständigten über Funk ihre Einsatzzentrale, die telefonierte mehrere Nummern von städtischen Mitarbeitern erfolglos ab. Beim Hausmeister der Stadthalle hatte die Polizei Glück. Er kam umgehend mit Schlüsseln zum Rathaus und ging mit den beiden Einsatzkräften ins Gebäude. Neugierige Journalisten müssen leider draußen bleiben.

Buergermeisterzimmer

Es ist inzwischen 23 Uhr, im Bürgermeisterzimmer brennt noch immer Licht, zu sehen ist aber niemand.

Die beiden Flügel des Fensters im ersten Stockwerk konnte schnell geschlossen werden, aber eine Nachschau im Bürgermeisterzimmer war nicht möglich, dafür hatte niemand Schlüssel.

Dem Vernehmen nach hat Bürgermeister Mathias Geiger zu seinen Amtsantritt die Schließzylinder tauschen lassen, es sollte niemand Unbefugtes nachts oder am Wochenende in das Amtszimmer gelangen, so wie es bei seinem Vorgänger passiert ist.

Die Polizei und der Hausmeister verabschiedeten sich, der nächtliche Einsatz war beendet. Ich hatte jetzt keine Lust mehr nachzuschauen, was am oder im „Depot“ los ist und beendete den Reporterdienst für diesen Tag.

Wie sicher sind Daten und Akten in der Eschborner Stadtverwaltung? Diese Frage kam spätestens mit der CD-, Kopier- und Rathausaffäre Ende 2014 auf. Seit gestern Nacht gibt es eine weitere, wenn auch weniger spektakuläre Perspektive auf diese Frage.

Die Personalengpässe bei der Stadtpolizei sollten dringend Thema in den politischen Gremien werden, um mit dem neuen Haushalt zusätzliche Planstellen zu schaffen. Es bleibt spannend, wer sich für die Sicherheit in Eschborn stark machen wird und Klartext redet.


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