Der große Bruder sitzt schon in Eschborn, der kleine kommt für drei Tage auf Besuch

nimg_20080626_01_01Vom 25. bis 27. Juli wird die „Korean Friendship Association“ (KFA) ihre diesjährige internationale Konferenz in Eschborn abhalten. Gastgeber ist die Eschborner Wählergemeinschaft „Die Linke“. Eine offizielle Veranstaltung mit nordkoreanischen Diplomaten in Eschborn wird von einigen politischen Kräften nicht gern gesehen. Im Interview mit der Eschborner Zeitung hat Stephan Blancke aus Berlin, Experte für Nordkorea und internationale Geheimdienststrukturen, die Hintergründe näher beleuchtet.

EZ: Die „Korean Friendship Association“ (KFA) gilt als so genannte „Freundschafts-, Kultur,- und Solidaritätsorganisation der Demokratischen Volksrepublik Korea“ und soll in über 130 Ländern präsent sein. Da es bei der Konferenz
in Eschborn aber nach Auskunft des Gastgebers vornehmlich um Wirtschaftsfragen gehen wird, ist der Name des Vereins doch eher irreführend. Gibt es noch weitere nordkoreanische „Freundschaftsvereine“ und welche Ziele
werden dort in erster Linie verfolgt?

Blancke: Die KFA ist eine von der nordkoreanischen Regierung gesteuerte Organisation, die nach außen hin zunächst den Eindruck der nordkoreanischen Version eines Goetheinstitutes vermitteln soll. Tatsächlich ist es aber so, dass zahlreiche Leiter einzelner Ländersektionen sowie in den Gruppen aktive Mitglieder im nordkoreanischen Regierungssystem auch andere, zum Teil wirtschafts- und sicherheitspolitische sowie nachrichtendienstliche Funktionen entweder parallel erfüllen oder erfüllt haben. Das lässt sich u.a. anhand relativ schwierig zu erhaltender aktueller Directories (z.B. aus Japan) sowie älteren Listen überprüfen. Der spanische Vertreter der KFA ist im Übrigen eine – milde formuliert – „interessante“ Persönlichkeit.

Die Forcierung wirtschaftlicher Kontakte genießt ausgesprochene Priorität bei allen nordkoreanischen Funktionsträgern. Dabei stehen weniger als vermutet sicherheitsrelevante Güter im Vordergrund, sondern vielmehr a) IuK-Technologie, b) erneuerbare Energie, c) agrartechnische Fragen wie Düngemitteleinsatz, Saatgut usw. sowie d) Modernisierung und Ausbau bereits bestehender internationaler Kooperation, z.B. im Bereich Mineralienförderung (u.a. auch Gold) oder verarbeitendes Gewerbe (speziell in den Sonderwirtschaftszonen).

Es gibt weitere Vereine oder Vereinigungen, in denen sich nordkoreanische Funktionsträger, Studenten usw. tummeln. Dabei läuft einiges über die Schiene der Religion: Viele Koreaner sind tief religiös (man würde hierzulande teilweise von „fundamentalistisch“ sprechen) und treffen sich in Bibelkreisen u.ä. Mit einer Nennung dieser Vereinigungen halte ich mich zurück, da man a) vielen der dort Engagierten Unrecht tun und b) sich diese Vereinigungen dies auch (rechtlich) verbeten würden. Ziel dieser Vereine ist vorrangig das Ziel aller Diasporagemeinden, speziell asiatischer Herkunft.

Es gibt einige Websites, deren Administratoren man in der KFA vermutet, aktiv oder sympathisierend. Einige davon sind sporadisch offline (Beispiel): „North Korean Official Web Page“ (http://www.korea-dpr.com)

EZ: Liegt es Ihrer Meinung nach an den zahlreichen südkoreanischen Unternehmen in Eschborn und in der unmittelbaren Nachbarschaft, dass man der Einladung in eine Kleinstadt zugestimmt hat, oder kann es auch andere Gründe geben? Frankfurt liegt direkt nebenan und wäre als „weltbekannte“ deutsche Bankenmetropole doch viel symbolträchtiger?

Blancke: Frankfurt wäre für den Veranstalter zu teuer gewesen. Dazu kommt natürlich die Nähe zu den südkoreanischen Unternehmen in Eschborn. Die Bankenwelt Frankfurts –abgesehen von einer unterstellten Abneigung des Veranstalters (Linkspartei) – ist für Nordkorea auch eine Nummer zu groß. Außerdem: Das nordkoreanische Bankenwesen ist zum einen marode und organisatorisch auch im nachrichtendienstlichen Bereich anzusiedeln. Der verbliebene „Rest“ nordkoreanischer Bankenpolitik wird von britischen Investoren dominiert. Außerdem: Im Zuge USamerikanischer Rundumschläge gelten auch nordkoreanische Finanzinstitute als Hort von Terror und Kriminalität. Schließlich ist in Eschborn auch das große Brudervolk vertreten, von dem Nordkorea wirtschaftlich stark abhängig ist.

EZ: Die Konferenz selbst wird nicht öffentlich sein, sondern nur geladene Gäste haben Zutritt. Wie groß schätzen Sie das Interesse von deutschen und anderen Sicherheitsbehörden an den Inhalten der Gespräche ein?

Blancke: Alle Nachrichtendienste sollten ein Interesse an Organisationen haben, deren Ursprung in jenen Ländern liegt, die sie regelmäßig in ihren (Jahres)Berichten aufführen.

EZ: Ergibt sich aus dieser Veranstaltung eine besondere Sicherheitslage für Eschborn, oder ist das bei dieser Art von Konferenzen unproblematisch?

Blancke: Nein. Unproblematisch. Was sollte da passieren?

Zur Person: Stephan Blancke ist Politikwissenschaftler und Doktorand an der FU Berlin. Er gilt als Experte für Nordkorea sowie staatliche und private Nachrichtendienste. Zu seinen Veröffentlichungen gehört unter anderem das Buch „Geheimdienste und globalisierte Risiken“.

(EZ = Eschborner Zeitung, Das Interview führte Ulrich Steiner)


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